Dorfposcht
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Editorial der Ausgabe 122 vom 30. März 2012

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Jede Person hat das Recht auf Bildung und die freie Wahl des Wohnsitzes. Wir dürfen unsere Lebensform selbst bestimmen und sind frei in der Wahl, mit wem und wie wir zusammenleben wollen. Diese und andere Freiheiten, die wir heute geniessen, nehmen wir kaum mehr wahr.

Werden sie damit zur Selbstverständlichkeit? Nein. Unsere Freiheiten sind ein über viele Generationen errungenes Gut. Sie basieren auf unserer Kultur, Verantwortung zu tragen. Das heisst, sein eigenes Denken und Handeln immer auch im Rahmen des grös-seren Ganzen, im Rahmen unserer Gemeinschaft zu betrachten. Das ist anstrengend, kann unbequem sein, schmerzt zuweilen und braucht den Mut, in den Spiegel zu schauen.

Gerne neigen wir deshalb dazu, unsere Verantwortung an den Staat abzugeben. Der soll es für uns richten, für unsere umfassende Sicherheit in allen Lebenslagen garantieren. Von Amtes wegen ist dafür zu sorgen, dass wir gesünder leben, dass die Hunde nicht mehr beissen und dass der Teenager fähig ist, die Kinder der Nachbarn am Abend zu betreuen.

Oft führen solche Regelungen auch zu absurden Situationen. Im Tages-Anzeiger war am 3. März 2012 zu lesen, dass eine aus Deutschland stammende Gymnasiallehrerin, die seit einigen Jahren im Kanton Aargau unterrichtet, zuerst eine Nachschulung in Deutsch besuchen muss, um im Kanton Zürich ihren Beruf ausüben zu dürfen. So will es unser Gesetz.

Überschreiten wir dabei nicht auch die Grenzen des Massvollen? Die Forderung nach weniger Staat mag wohl sinnvoll sein. Aber sind wir alle auch bereit, die dafür notwendige Selbstverantwortung zu tragen und das Normale nicht immer zum Spezialfall zu erklären?

Wir alle gestalten unseren Staat. Wir alle tragen dazu bei, dass wir unsere Freiheiten bewahren können und wir nur das Nötige regeln. Selbstvertrauen, Gestaltungswillen und persönliche Beiträge für unsere Gemeinschaft dienen unserem Staat. Und sie bewahren diesen davor, auszuufern in Bereiche, wo verantwortlich denkende und handelnde Personen die nicht geregelten Lücken individuell angemessen füllen.

George Bernhard Shaw hielt fest: «Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit; das ist der Grund, warum die meisten Menschen sich vor ihr fürchten.»

Ich wünsche Ihnen schöne Frühlingstage und Augenblicke der Ruhe, um die Natur geniessen zu können.

Caroline Hofer Basler

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