Dorfposcht Nr. 78/26. November 2004 | Gedankenflug: Kirchenglocken ziehen mich in ihren Bann

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Gedankenflug

Kirchenglocken ziehen mich in ihren Bann …

Kirchenglocken ziehen mich in ihren Bann. Ganz besonders am Silvester, da haben die Glocken eine besondere Bedeutung für mich, wenn sie das alte Jahr ausläuten und das neue Jahr einläuten. Ich habe immer an einem Ort gelebt, wo – manchmal sogar von mehreren Türmen – die Glocken majestätisch geläutet haben.

Seit ich in Gütighausen wohne, fehlen mir die Kirchenglocken. Ich liebe zwar die Kuhglocken, die von den Nachbarweiden zu uns herübertönen. Und die kleine Schulhausglocke ist im Vergleich zu grossen Kirchenglocken ein wenig «schwach auf der Brust». Jedes Jahr beim Jahreswechsel am Silvester versuchte ich von irgendwo her ein paar Glockenklänge zu erhaschen. Wenn der Wind günstig war, wehte er noch schwache Töne von Thalheim her bis zu uns.

Ich tröstete mich dann ein wenig mit den «Silvesterglocken» von Charles Dickens. Das ist ein stimmungsvolles und etwas unheimliches Märchen von Glocken, die ein altes Jahr aus- und ein neues Jahr einläuten.

Letztes Jahr nun – was hörte ich da in der Silvesternacht? Kurz vor Mitternacht begann unser kleines Schulhausglöckchen zu bimmeln, standhaft und tapfer bis knapp vor Mitternacht. Das alte Jahr war ausgeläutet. Und wenige Sekunden später setzte es erneut ein und läutete lang und ausdauernd das neue Jahr 2004 ein. Eingewickelt in dicke Jacken standen wir mit unserm Champagner auf der Terrasse und freuten uns über unser Gütighauser Schulhausglöcklein. Ganz gerührt hörten wir ihm zu. Im Innern habe ich mich beim Glöcklein entschuldigt dafür, dass ich seinen Ton stets etwas schwächlich gefunden habe. In diesem Moment war es für mich die grösste Glocke!

Zu verdanken haben wir das Läuten zum Jahreswechsel den neuen Eigentümern des Schulhauses. Seit vier Jahren wohnen hier ja der Maler Michael Wyss und seine Partnerin, die zartgliedrige «Wölfin» (sie heisst Vukosava Milatovic, und Vukosava ist die weibliche Form von Wolfgang). Sie war es, welche die Idee für das Silvestergeläut hatte. Und sie hat auch unseren Turmuhr-Fachmann (welches Dorf hat das schon!) Gustav Gutknecht gebeten, die Schulhausglocke zum Jahreswechsel zum Klingen zu bringen. Als ich unser Glöcklein kürzlich ansehen durfte im Glockenstuhl oben, konnte ich feststellen, dass es so klein gar nicht ist – und dass es mächtig tönt, wenn man gleich darunter steht.

Ich freue mich schon auf sein Läuten am 31. Dezember um Mitternacht. Am schönsten wäre natürlich, wenn in diesen paar Minuten keine Knaller und Raketen das Glöcklein stören würden.

Ursy Trösch

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