Dorfposcht
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Editorial der Dorfposcht Nr. 67/31. Januar 2003

Liebe Leserinnen, Liebe Leser

[Das Titelbild der Dorfposcht Nr 67 vom Januar 2003]Wie das gelbe zum Ei gehört der gute Vorsatz zu Neujahr. In geselliger Runde erwarten wir am Silvesterabend jeweils gespannt den Jahreswechsel. Ist es dann endlich soweit, wird freudig angestossen. Ein absolutes Muss in diesem Moment sind die guten Vorsätze. Deren Durchführung uns zweifellos eine ideale(re) Welt beschaffen könnte. Doch so einfach wie sie einem in diesem Augenblick über die Lippen hüpfen, so schwerer wird deren Verwirklichung. Der Wille weniger Süssigkeiten zu essen, nicht mehr zu rauchen, mehr Sport zu treiben, mehr Zeit mit den Liebsten zu verbringen, … entpuppt sich nur zu oft als kaum realisierbar. Die Euphorie der Neujahrsnacht weicht sehr schnell dem Tramp des Alltags. Das Gewohnheitstier Mensch ist zu schwach, sich der Unannehmlichkeiten, die zur Umsetzung nötig wären, anzunehmen. Vielmehr wird die Energie darauf verwendet, mit erstaunlichem Erfindungsgeist Gründe zu Tage zu befördern, weshalb sich der gute Vorsatz zur Zeit nicht umsetzen lässt. – Damit ist es dann auch schon passiert. Man befindet sich inmitten eines Teufelskreises. Die Unrealisierbarkeit des guten Vorsatzes lässt Frust in einem aufsteigen. Doch des Übels noch nicht genug. Mit dem nächsten Neuen Jahr nähern sich auch bereits wieder die nächsten unrealisierbaren guten Vorsätze.

Die angenehmere Art, den guten Vorsätzen zu entrinnen, besteht darin, sie ganz einfach mit dem Neujahrssekt auszuschlafen, und die allenfalls noch vorhandenen Überbleibsel auf dem Neujahrsspaziergang zurückzulassen.

Dieser Kreislauf, mit den stets neugefassten, in der Regel nicht einhaltbaren Vorsätzen, erinnert mich ein wenig an Politik. In welchem Umfang halten die Politiker der Welt ihre Wahlversprechen ein?

Vielleicht sind die Vorsätze nur nicht erfüllbar, weil die Ziele zu hoch gesteckt werden!

Mein persönlicher Vorsatz fürs das Jahr 2003 lautete folgendermassen: Keinen guten Vorsatz fassen und somit keinen Frust riskieren, den der nicht gelungene Vorsatz mit sich brächte.

Als angenehmer Nebeneffekt bringt dieser Vorsatz mit sich, dass man sich an einer dennoch verwirklichten Vorstellung umso mehr freuen wird.

Manuela Keller

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