Dorfposcht
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Editorial

Liebe Leserin, Lieber Leser

Herzlich willkommen zum Editorial der 50. Ausgabe der Dorfposcht!

Die Dorfposcht lebt, weil sie als Medium «Sprache» weitergibt. Für jeden Schreiber ist die Sprache ein Material, mit dem er sich ausdrücken kann, mit dem er spielt, an dem er feilt, bis es seinen Wünschen entspricht. Genauso wie ein Steinhauer an seiner Statue Stück für Stück wegschlägt bis im Kern das bleibt, womit er sich ausdrücken möchte.

Sprache ist etwas lebendiges. Sie verändert sich stets, wandelt sich, legt alte Gewohnheiten ab, erwirbt neue Fähigkeiten, in dem sie die Grammatik anpasst. Nicht von einem Tag auf den anderen; langsam und stetig, so wie Wasser einen Stein aushöhlt.

Ein Vorstoss im Nationalrat von Bernhard Hess (SD) zum Schutz der Muttersprachen vor englischen Fremdwörtern wurde abgelehnt. Der Schweizer Demokrat ist der Ansicht, dass englische Ausdrücke überhand nehmen und es für jeden englischen Ausdruck einen entsprechenden im Französischen oder Deutschen gibt. Wörter wie Newsletter oder Wellness sind ihm ein Dorn im Auge. Allerdings ist er sich bewusst, dass sich Begriffe wie Computer und dergleichen bereits so eingebürgert haben, dass man sie nicht mehr «verdeutschen» bzw. «verfranzösischen» kann.

Johann Wolfgang von Goethe schrieb in «Maximen und Reflexionen»: «Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern, dass sie es verschlingt». Ich persönlich sehe die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Herr Hess spricht zwar vom Schutz der Muttersprachen, erwähnt aber das Italienische und Räteromanische mit keinem Wort. Englisch ist nun mal die Weltsprache und dort, wo dies zum Tragen kommt (beispielsweise an der Börse, oder in Grosskonzernen) werden immer wieder solche Wörter in unsere Sprache einfliessen. Oder denken wir an die Erfindungen vor allem in Amerika. Ich denke da an die Trendsportarten. Bungeejumping würde dann plötzlich «Mit-dem-Seil-von-der-Brücke-springen» heissen oder Canyoning «Tobelrutschen». Allerdings teile ich Goethes Meinung nicht vollumfänglich. Dort nämlich wo die Putzfrau zum Cleaning Manager wird und im Sinne der Kundenfreundlichkeit auf Ausdrücke wie Customer Care Center (Kundendienst) verzichtet werden könnte, halte ich die deutschen Wörter noch für angebracht. Ausserdem hinterlässt der Vorstoss von Herr Hess noch einen schalen Nachgeschmack, weil man sich doch noch an die Zeiten im Dritten Reich erinnert, wo alles und somit auch die Sprache arisch sein musste.

In Frankreich ist es übrigens schon gang und gäbe, dass englische Wörter in einen französischen Ausdruck umgewandelt werden. Und dies dank einzelnen Beamten, die im Wirtschaftsministerium die Zeitung lesen. Nein, nein, nicht was Sie jetzt denken. Diese Beamten dürfen die Zeitung lesen, weil sie nach englischem Vokabular Ausschau halten und dieses sogleich umwandeln. So wird Byte zu octet, Hotline zu Aide en ligne, stockoption zu option sur titre und (mein persönlicher Favorit) mergermania zu fusionite.

Da schliesse ich mich doch lieber Marie von Ebner-Eschenbach an, die sagte: «Der Geist einer Sprache offenbart sich am deutlichsten in ihren unübersetzbaren Worten»

Rahel N. Zürcher

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