Dorfposcht
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Editorial der Dorfposcht Nr. 43 vom 29. Januar 1999

Liebe Leserin, lieber Leser

1999 wird die Welt untergehen. Darin ist sich eine kleine, aber dennoch lautstarke Minderheit von Weltuntergangspropheten absolut einig. Weniger Übereinstimmung herrscht unter diesen Endzeitverkündern jedoch bereits bei der Frage, in welcher Form das Ende über uns kommen wird. Hoch im Kurs stehen sowohl der Einschlag eines Meteors als auch der Einfall bösartiger Ausserirdischer via UFO-Geschwader. Andere, vielleicht etwas weniger versponnene Kassandren vermuten, dass das Ende der Menschheit auf unserem eigenen Mist wachsen, sprich im Ausbruch eines vernichtenden Weltkriegs bestehen wird. Es könnten aber durchaus auch Naturkatastrophen sein, welche den Homo sapiens inklusive seiner zivilisatorischen Errungenschaften vom Angesicht unseres Planeten spülen, wehen oder sengen.

Nun, man kann sich natürlich fragen, welche Gründe einen Meteor draussen im kalten Weltraum dazu bewegen könnte, pünktlich zur Jahrtausendwende auf unsere Erde herabzustürzen. Auch die Ausserirdischen werden wohl ihre eigene Zeitrechnung haben und all den kollektiv lebensmüden Unken kaum den Gefallen machen, just noch im letzten Jahr dieses Jahrtausends über uns herzufallen. Dennoch zeigt sich angesichts dieser Unmenge an düsteren Prognosen, wie sehr uns diese Jahreszahl fasziniert, die sich da gross, mächtig und geheimnisvoll am Ende dieses Jahreskalenders abzuzeichnen beginnt. Klar, angesichts des Tempos, mit dem sich die Welt um uns verändert, ist es kein Wunder, dass die Schwarzseher mit dem grössten Publikum rechnen dürfen. Der rasante Wandel im technologischen und wirtschaftlichen Bereich weckt viele Ängste. Es gibt wirklich nicht viel Grund, Existenz und Wohlstand als sicher anzusehen…

Ich denke allerdings, dass der Jahrtausendwechsel, wenn er denn ohne apokalyptische Begleiterscheinungen über die Bühne gegangen sein wird, auch positive Energien freisetzen wird. Wenn wir uns erst einmal die Jahreszahl 2000 gewöhnt haben, dann wird sie sicherlich sehr befreiend, inspirierend und anregend wirken. Ein neues Jahrtausend! Eine neue Chance! Das zwanzigste Jahrhundert, auf das stolz zu sein die Menschheit nun wirklich nicht allzuviel Grund hat, liegt hinter uns. Die Uhr wurde auf 00 zurückgestellt und zumindest die zweistellige Jahreszählung beginnt neu zu zählen. Es wird nicht so sein, dass uns das neue Jahrtausend im Sinne einer Generalamnestie alle Sünden vergeben wird und wir sollten wohl auch nicht der Versuchung nachgeben, Gras über die Geschichte wachsen zu lassen. Aber es spricht nichts dagegen, die Gelegenheit wahrzunehmen, nach vorne zu blicken und der positive Kraft des neuen Jahrtausends allen Raum einzuräumen… Mit dem ersten Januar 2000 werden die Untergangspropheten ausgedient haben.

Matthias Schüssler

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